Home » News »

Beirut wie im Buch

 

Neuer Glanz und alte Steine: Der Libanon präsentiert sich wieder als attraktive Destination für Touristen und Geschäftsleute

Die Einschusslöcher sind verschwunden, die Fassaden frisch gestrichen, die Schallschutzfenster

erneuert. Die Leuchtreklame verspricht je ein japanisches, französisches und italienisches Restaurant. Das Commodore erstrahlt in neuem Glanz. Während des Krieges war das Luxushotel im Zentrum von Beirut Treffpunkt für Journalisten, Fotografen und Kameraleute aus aller Welt – nun soll es wieder für Reisende und Geschäftsleute da sein. Nach und nach haben alle neu eröffnet: Das Bristol, das Intercontinental, das Mercure. Auch im nahegelegenen Bankenviertel sind die Geldpaläste mit viel Glas und Beton wieder hergerichtet. Die einzelnen Kriegsruinen zwischen den frisch sanierten und gefärbelten Stadthäusern sind heute Sehenswürdigkeiten für Touristen.

Rund zehn Jahre nach dem Ende des Bürgerkrieges steht in der einst geteilten Stadt, wo von Häusergruppe zu Häusergruppe gekämpft wurde, alles bereit, um die Fäden wieder anzuknüpfen, die 1975 abrupt abgerissen sind: Beirut will wieder Drehscheibe des Nahen Ostens für Geldgeschäfte, Versicherungen und Tourismus werden.
Barbara ist Reiseführerin. Während des Krieges hat sie in den Golfstaaten gearbeitet.

Nach ihrer Rückkehr half sie bei der Finanzierung des Wiederaufbaus – sie kaufte Volksaktien. Genauso wie viele andere ihrer Landsleute, allen voran Rafik Hariri, Ministerpräsident der Nachkriegszeit, der in Saudi-Arabien Dollarmillionär geworden war. Weniger glücklich über den rasanten Neustart in Beirut waren die Archäologen. Hatten sie doch gehofft, endlich in die Tiefe graben zu dürfen, nach den Überresten einer 5000-jährigen Siedlungsgeschichte. Berytus war eine der wichtigsten Städte der Phönizier. Viele Male zerstört, wurde die Stadt immer wieder auf den Resten der Vergangenheit aufgebaut. Schon vor dem Krieg gab es kein Gebäude in Beirut, das älter als 100 Jahre war. Aber “wo immer man gräbt, findet man eine Antiquität”, sagt Barbara und erklärt die Funktion einer gut erhaltenen Bodenheizung einer römischen Badeanlage mitten im Bankenviertel.

Die besten Betätigungsfelder für Archäologen liegen weitab von Beirut. Graben dürfen sie zum Beispiel an der frühislamischen Stadtanlage in Aanjar am Fuß des Anti-Libanon-Gebirges, mit den von den Omayaden geometrisch spiegelgleich angelegten Palästen, Kolonnadenstraßen und Geschäften. Oder in Jbeil nördlich von Beirut an der Küste, eine der ältesten Städte der Welt. Reich wurde die Stadt durch die Ägypter, die Gold und Silber ablieferten für das wertvolle Zedernholz.Die Griechen nannten die Stadt Byblos (Buch, Bibel), da sie von den dortigen Kaufleuten eine Art Alphabet-Schrift übernahmen. Oder in Baalbek am höchsten Punkt der Bekaa-Ebene, einst Kreuzung wichtiger Handelsstraßen: wo die Römer ihre größte Tempelanlage bauten. So groß und reichhaltig verziert, dass sie niemals ganz fertig wurde.

Erst mit der Unabhängigkeit, 1943, besann man sich im Libanon auf das Erbe fremder Herrscher, das schon zu unbequemeren Reisezeiten Interessierte aus Europa und Übersee anlockte. Den Libanon passierten auch die Pilgerströme vor fast tausend Jahren auf ihrem Weg nach Jerusalem. Als die osmanische Herrschaft dies verhinderte, schickten die Päpste Heere von Kreuzrittern, deren mächtige, europäisch mittelalterlich anmutende Burgen noch heute entlang der 200 Kilometer langen Küste Eindrücke einstiger Belagerungen vermitteln.
Vom Turm der Kreuzritterburg in Byblos aus hat man einen phantastischen Blick auf

Reste von Tempeln, Obelisken, Steinwällen und Amphitheatern. Wenn Barbara die Geschichte der Eroberer von Byblos erzählt, klingt es wie die Kurzfassung des Geschichtsunterrichtes in der Unterstufe: “Nach den Ägyptern kamen die Hethiter, dann die Syrer, danach die Perser. Nach den Griechen kamen die Römer, danach die Araber, die Omayaden, die Mamelucken und dann die Osmanen . . .” Dass sie in fließendem Französisch oder Englisch – je nach Reisegruppe – spricht, ist selbstverständlich. So gut wie alle Beschäftigten in der Dienstleistungsbranche sind mehrsprachig – schließlich waren die Franzosen zwanzig Jahre im Land, später kamen auch US-Marines (und das ganz in phönizischer Tradition gewachsene Business bevorzugt ohnehin Englisch). Barbaras sechsjährige Tochter wächst dreisprachig auf und multireligiös. Sie besucht die Schule gemeinsam mit schiitischen und sunnitischen Muslimen, maronitischen und griechisch-orthodoxen Christen.

Zwanzig verschiedene Kirchen sind im Libanon anerkannt. Die Zugehörigkeit zu einer der religiösen Gruppen bestimmt auch die Politik: Je die Hälfte der Parlamentssitze steht Christen und Moslems zu. Der Präsident muss Maronit, der Regierungschef Sunnit, der Parlamentssprecher ein Schiit sein. Der Libanon scheint heute politisch stabil. Auch wenn israelische Jäger wieder das Land überfliegen. Doch die Hoffnung, dass der Nahe Osten friedlich bleibt – was immer dort schon als Frieden gilt -, muss weiter bestehen. Denn nur so wird der Libanon wieder zum Treffpunkt für Reisende.
Astrid Zimmermann

Erschienen in ” Der Standard” 19. Jänner 2001