Libanon in der Presse
Karossen, Kamele, Klänge
Beirut als Stützpunkt für eine Reise durch den Libanon: ein kleines Land der Größe Kärntens an der Levante-Küste.
Der Libanon hat einen Antilibanon. Dieser bezeichnet geographisch die an Syrien angrenzende Gebirgskette, und nicht einen idealerweise als Gegen-Libanon benannten Landesteil. Dabei sind die Libanesen durchwegs ein freiwillig witziges Volk. Unermüdlich stauben sie in der schmutzigen Hauptstadt Beirut, ein Felgenparadies obendrein, tagtäglich mit fedrigen Wedeln ihre schwerverdienten Karossen ab.
Beirut surrt Tag wie Nacht voll geschäftigen Treibens. "Marhaba!" - "GutenTag!" Man geht ungeachtet der Kriegsmale seines Wegs. Auch als Tourist. Die unbewohnten, beschädigten Häuser mögen zwar gespenstisch wirken, doch poliert man nebenan schon einen putzigen Nobelbezirk aus heimischem Kalkstein bezugsfertig heraus. In Tagesausflügen kann man von hier aus den gesamten Libanon bereisen, ein kleines Land der Größe Kärntens an der Levante-Küste.
An einer der höchsten Stellen der im Osten liegenden Beqaa-Ebene, der Kornkammer des Landes, liegt die Stadt Baalbek, benannt nach Baal, dem Gott, der allzu gerne vom rechten Weg ablenkt. Er ist auch Wettergott und wacht als solcher über die vier Jahreszeiten, deretwegen sich Besucher im Libanon glücklich schätzen können, denn nur knappe zwei Stunden Autofahrt trennen den Badestrand vom Schigebiet. Die klimatische Vielfalt - so muß rückgeschlossen werden - garantiert die kulinarische, mit heimischem (!) Wein und Bier. Damit wären wir wieder beim unrechten Weg, der eigentlich keiner ist, denn Alkohol ist Medizin und wird vor allem in Form des Anisschnapses Arak zur Vorspeise gereicht. Baalbek besucht man aber aus anderen Gründen: Vor allem seiner gigantischen Ausgrabungsbezirke wegen ist diese Stadt für Akropolismüde geradezu ein Muß. Lediglich in der Gestalt fliegender Händler begegnet der Besucher touristischen Attitüden.
Wer auf den Bus wartet, wartet mit einem Kamel. Es selbst hofft nämlich neben dem einzig verbreiteten öffentlichen Verkehrsmittel auf die vom nahöstlichen Charme gepackten Reisenden. Doch trotz seiner bekannten Ausdauer darf es mit jenen Schwachgewordenen nur eine kleine Runde am Vorplatz drehen.
Beim Gebet des Muezzin, das über Lautsprecher die Stadt beschallt, bedächtig, aber so, daß es die gesamte Beqaa-Ebene durchfluten könnte, schreitet man durch den aus der römischen Kaiserzeit stammenden Jupitertempel. Fast meint man die Wehklagen der einst hier geschlachteten 70.000 Opfertiere vernehmen zu können. Daneben vernimmt man anderes: Musik aus dem Bacchustempel, seit Sommer 1997 wieder Kulisse der Baalbek-Festspiele, die auch auch Karajan einmal dirigierte. Wenn das die Götter nicht lieben!
© DER STANDARD, 9. April 1999 Margarete Affenzeller